Ein Leben ohne Müll

Erst kürzlich habe ich vom so genannten “Great Garbage Patch” erfahren. Mehrere solch große Müllteppiche aus nicht-abbaubarem Plastikmüll sind gefangen in Mehresstrudeln. Manche von ihnen berühren gelegentlich Küsten und kommen in Selfie-Reichweite ihrer Verursacher, aber ansonsten driften sie fernab jeglicher Zivilisation im Wasser um uns und etliche andere Spezies dort zu überdauern.

Bei diesem Anblick fragte ich mich: Warum haben wir gar keinen Plan, was wir eigentlich mit dem Müll machen sollen? Wir haben für vieles keinen Plan, aber insbesondere das Thema Plastik wurde für mich immer aufdringlicherer. Auf einmal begann ich, überall nur noch Plastikmüll zu sehen. Selbst meine anderthalb Jahre alte Tochter läuft schon herum und sammelt ihn ein, um ihn dann stolz in den Müll zu werfen.

Meine Frau, die beste die ich kenne, verhalf mir auch hierbei zu einer neuen Perspektive. Anstelle nur zu jammern, dass wir dem Plastik-Untergang geweiht sind (“Mikroplastik ist überall – sogar in der Luft”, Tagesspiegel August 2019), sollten wir etwas tun. Und wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Bevor wir lange weiter diskutieren konnten, hielt meine Frau ein Buch in der Hand und las es binnen drei Wochen komplett zuende. Noch nie habe ich sie so schnell lesen sehen, denn üblicherweise macht sie vorher 1.000 andere wunderbare Dinge. Die Autorin jenes Buches hielt zum Thema einen TED-Talk in Münster:

Wers nicht guckt: Die Dame heißt Bea Johnson, und sie sowie der Rest ihrer Familie haben keinen nicht-kompostierbaren Müll mehr. Dafür haben sie ihre Gewohnheiten und ihr Konsumverhalten auf den Kopf gestellt. Der Clou: Ihr neuer Minimalismus macht sie zufriedener als zuvor. “Das will ich auch. Machen wir da mit?”, fragt mich meine Frau. “Auf jeden Fall!”

Nach kurzer Recherche auf der Karte finden wir einige Spezialgeschäfte, um Pasta, Müsli, Seife und Co. ohne Plastik-Umverpackung zu kaufen. Doch irgendwie reicht uns das nicht. Vor allem sind die meisten Läden zu teuer. Also begannen wir, Preise zu vergleichen. Vor allem verglichen wir sie auch mit den etablierten Supermärkten, die den Trend auch schon für sich erkannt haben.

Der Edeka bei uns um die Ecke etwa verkauft viele Sachen in Papierverpackungen, Obst und Gemüse in wiederverwendbaren Netzen und Eier in einer hauseigenen Spezial-Tupperware. Und das Personal an Fleisch-, Fisch- und Käsetheke legt die Ware auf Anfrage in unsere eigene Tupperware (darf sie aber offenbar aus Hygienegründen nicht selbst anfassen geschweigedenn hinter die Theke nehmen).

Weltretten ist ein teures Hobby

Ganz vorne dabei sind Bioläden wie Denn’s oder LPG, doch die kosten – wie oben schon erwähnt – erheblich mehr als die großen Ketten. Discounter Aldi hingegen bescherte mir – wenig überraschend – Ernüchterung , denn dort ist fast alles in Plastik verpackt. Wenn wir jedoch eine Zero-Waste-Gesellschaft werden wollen, müssen die Discounter mitziehen.

In der nächsten Ausgabe möchte ich konkreter auf unsere Funde und Lösungen eingehen. Denn in unserem handgemachten Zero-Waste-Preisvergleich zeigt sich, dass neben manchen Wucher-Preisen  auch ganz faire Angeboten dabei sind. Und vielleicht rechne ich Euch sogar vor, wie wenig wir mit unserem Lebensstil tatsächlich pro Monat ausgeben. Ich wette, so mancher unter Euch hat den Kühlschrank voll Plastik und lebt teurer. Ich freue mich über Euer Feedback und Fragen, die ich im nächsten Artikel aufgreifen kann!

Konsumjournalismus ist keiner

In meinem ersten Blog-Posting kündigte ich bereits an, dass ich das Thema redaktionsübergreifender Zusammenarbeit separat aufgreifen möchte. In diesem zweiten Beitrag will ich erklären, warum ich um die Integrität des Special-Interest-Journalismus fürchte und will mit euch darüber diskutieren, ob und wie wir es gemeinsam besser machen könnten oder wenigstens sollten.

Am Anfang war ich so naiv. Der Markt an Online-Magazinen zum Thema Technologie war zum Anfang meiner Karriere schon gut gesättigt. Der Konkurrenzkampf war hart. Wer zuerst berichtet, der gewinnt: Denn sind die Besuchszahlen hoch, sind es auch die Einnahmen aus der Bannerwerbung. Die Marketing-Abteilung freut sich ebenfalls, denn mit den Zugriffszahlen steigen auch die Preise, die sie für ihr Content-Marketing verlangen kann.

Leider geht dieses Erstersein auf Kosten eines ganz wichtigen Faktors beim Online-Journalismus: der kritischen Auseinandersetzung mit dem Gebotenen. Bei News muss eine einzige Quelle oft ausreichen. Auf Pressekonferenzen gilt das, was der Hersteller sagt. Und der Zeitfaktor allein ist noch nicht alles: Es ist nahezu unmöglich, echten Journalismus über Technologie zu betreiben.

George Orwell wird zitiert:

Journalism is printing what someone else does not want printed. Everything else is public relations.

Eine Befürchtung beschleicht mich diesbezüglich jedoch schon seit Längerem, und sie betrifft womöglich nicht nur den Technikjournalismus: Erfüllen wir Orwells Bild von Journalismus oder sind wir im Special-Interest-Bereich nur die Boten der (Technik-)Konzerne?

Zahlreiche gesponserte Pressereisen, Gratis-Testgeräte in Form von “Dauerleihgaben” sowie der subtile Druck im Zusammenhang mit Verschwiegenheitsabkommen (NDA) zu Vorab-Informationen sagen mir: Da ist etwas gehörig faul. Denn leistet sich der Redakteur einen Fehltritt, wird er von den Informationen abgeschnitten, die er für seine Berichterstattung braucht. Fehltritte sind gebrochene NDAs oder eine zu negative Kritik; der letzteren Ahndung ist subtil: Für den nächsten Test liegen dann zufällig “gerade keine Muster bereit”, wenn der Journalist bei der PR-Agentur nachfragt.

Nur zusammen geht Journalismus

In der Anfangszeit ließen mich manche Kollegen aus meiner Redaktion glauben, dass die Redakteure von anderen Medien unsere Konkurrenten seien. Das ist grober Unfug, unter dem am Schluss unsere Leser leiden.

Denn wenn wir uns als Konkurrenten begreifen, arbeiten und denken wir nur  in kleinen Blasen. Wir horten Wissen und beschützen es voreinander statt es für unseren eigentlichen Auftrag an die Leser zu bündeln. Unser Herausforderer sind aber nicht die anderen Magazine, sondern es sind die Produkthersteller, denen wir schon seit Jahren nicht mehr die richtigen Fragen stellen.

Wir fragen:

  • Wieviel Megahertz oder -pixel hat diese Einheit?
  • In wievielen Nanometern wird das gefertigt?
  • Erreichen Sie jetzt mehr Rechenleistung pro Watt?
  • Wieviele Bilder pro Sekunde sind es in jener Anwendung?

Wir sollten fragen:

  • Warum ist das in so viel Plastik verpackt?
  • Wo kommt das Kobalt im Akku her?
  • Warum kann man Ihre Produkte nicht mehr reparieren?
  • Wieso planen Sie die Geräte mit so kurzen Produktzyklen?
  • Wo muss das hin, wenn es kaputt ist?

Wir sind in einem neuen Zeitalter angelangt, das Antworten auf neue Fragen fordert. Doch sehe ich noch immer viele Special-Interest-Magazine für Konsumgüter wie Autos oder High-Tech-Artikel, die das nicht bemerkt haben. Die meisten ihrer Leser haben inzwischen gelernt, gute von schlechten Produkten zu unterscheiden. Zumindest verstehen sie schnell, welches einen guten Einfluss auf ihr Leben haben wird. Weniger erkennbar ist jedoch deren Einfluss auf den Rest der Welt. Und ich würde wetten, dass die nächste Generation der Kunden das schon jetzt wissen will.

Wer soll das bezahlen?

Das Schöne am industriegetriebenen Konsumentenjournalismus ist, dass er sich so einfach finanzieren lässt. Viele Schüler können schon als Influencer ihr Taschengeld aufbessern; Journalismus wird ja für den Job nicht benötigt. Ein wenig Publikum generieren, Testgeräte anfordern, sie feiern, fertig. Der Profit kommt von Sponsorings, Affiliate-Links oder anderen Partnerschaften. Kann man gern haben.

Doch wer bezahlt dafür, wenn man genau dieses Rad des Konsums anhalten muss? An dieser Stelle beende ich den heutigen Beitrag, öffne die Diskussion und widme mich im nächsten Beitrag einem neuen Leidenschaftsthema und Hobby: Die Umstellung unseres Familienhaushaltes auf Zero Waste.