Konsumjournalismus ist keiner

In meinem ersten Blog-Posting kündigte ich bereits an, dass ich das Thema redaktionsübergreifender Zusammenarbeit separat aufgreifen möchte. In diesem zweiten Beitrag will ich erklären, warum ich um die Integrität des Special-Interest-Journalismus fürchte und will mit euch darüber diskutieren, ob und wie wir es gemeinsam besser machen könnten oder wenigstens sollten.

Am Anfang war ich so naiv. Der Markt an Online-Magazinen zum Thema Technologie war zum Anfang meiner Karriere schon gut gesättigt. Der Konkurrenzkampf war hart. Wer zuerst berichtet, der gewinnt: Denn sind die Besuchszahlen hoch, sind es auch die Einnahmen aus der Bannerwerbung. Die Marketing-Abteilung freut sich ebenfalls, denn mit den Zugriffszahlen steigen auch die Preise, die sie für ihr Content-Marketing verlangen kann.

Leider geht dieses Erstersein auf Kosten eines ganz wichtigen Faktors beim Online-Journalismus: der kritischen Auseinandersetzung mit dem Gebotenen. Bei News muss eine einzige Quelle oft ausreichen. Auf Pressekonferenzen gilt das, was der Hersteller sagt. Und der Zeitfaktor allein ist noch nicht alles: Es ist nahezu unmöglich, echten Journalismus über Technologie zu betreiben.

George Orwell wird zitiert:

Journalism is printing what someone else does not want printed. Everything else is public relations.

Eine Befürchtung beschleicht mich diesbezüglich jedoch schon seit Längerem, und sie betrifft womöglich nicht nur den Technikjournalismus: Erfüllen wir Orwells Bild von Journalismus oder sind wir im Special-Interest-Bereich nur die Boten der (Technik-)Konzerne?

Zahlreiche gesponserte Pressereisen, Gratis-Testgeräte in Form von “Dauerleihgaben” sowie der subtile Druck im Zusammenhang mit Verschwiegenheitsabkommen (NDA) zu Vorab-Informationen sagen mir: Da ist etwas gehörig faul. Denn leistet sich der Redakteur einen Fehltritt, wird er von den Informationen abgeschnitten, die er für seine Berichterstattung braucht. Fehltritte sind gebrochene NDAs oder eine zu negative Kritik; der letzteren Ahndung ist subtil: Für den nächsten Test liegen dann zufällig “gerade keine Muster bereit”, wenn der Journalist bei der PR-Agentur nachfragt.

Nur zusammen geht Journalismus

In der Anfangszeit ließen mich manche Kollegen aus meiner Redaktion glauben, dass die Redakteure von anderen Medien unsere Konkurrenten seien. Das ist grober Unfug, unter dem am Schluss unsere Leser leiden.

Denn wenn wir uns als Konkurrenten begreifen, arbeiten und denken wir nur  in kleinen Blasen. Wir horten Wissen und beschützen es voreinander statt es für unseren eigentlichen Auftrag an die Leser zu bündeln. Unser Herausforderer sind aber nicht die anderen Magazine, sondern es sind die Produkthersteller, denen wir schon seit Jahren nicht mehr die richtigen Fragen stellen.

Wir fragen:

  • Wieviel Megahertz oder -pixel hat diese Einheit?
  • In wievielen Nanometern wird das gefertigt?
  • Erreichen Sie jetzt mehr Rechenleistung pro Watt?
  • Wieviele Bilder pro Sekunde sind es in jener Anwendung?

Wir sollten fragen:

  • Warum ist das in so viel Plastik verpackt?
  • Wo kommt das Kobalt im Akku her?
  • Warum kann man Ihre Produkte nicht mehr reparieren?
  • Wieso planen Sie die Geräte mit so kurzen Produktzyklen?
  • Wo muss das hin, wenn es kaputt ist?

Wir sind in einem neuen Zeitalter angelangt, das Antworten auf neue Fragen fordert. Doch sehe ich noch immer viele Special-Interest-Magazine für Konsumgüter wie Autos oder High-Tech-Artikel, die das nicht bemerkt haben. Die meisten ihrer Leser haben inzwischen gelernt, gute von schlechten Produkten zu unterscheiden. Zumindest verstehen sie schnell, welches einen guten Einfluss auf ihr Leben haben wird. Weniger erkennbar ist jedoch deren Einfluss auf den Rest der Welt. Und ich würde wetten, dass die nächste Generation der Kunden das schon jetzt wissen will.

Wer soll das bezahlen?

Das Schöne am industriegetriebenen Konsumentenjournalismus ist, dass er sich so einfach finanzieren lässt. Viele Schüler können schon als Influencer ihr Taschengeld aufbessern; Journalismus wird ja für den Job nicht benötigt. Ein wenig Publikum generieren, Testgeräte anfordern, sie feiern, fertig. Der Profit kommt von Sponsorings, Affiliate-Links oder anderen Partnerschaften. Kann man gern haben.

Doch wer bezahlt dafür, wenn man genau dieses Rad des Konsums anhalten muss? An dieser Stelle beende ich den heutigen Beitrag, öffne die Diskussion und widme mich im nächsten Beitrag einem neuen Leidenschaftsthema und Hobby: Die Umstellung unseres Familienhaushaltes auf Zero Waste.

Project Freelancing: Allein unschaffbar

Seit April 2019 arbeite ich als Freelancer. Pünktlich zum Geburtstag schenkte ich mir selbst die turbulenteste Phase, die mir mein bisheriges Berufsleben bislang bot – ich kündigte meinen unbefristeten Arbeitsvertrag. Dieses Blog soll einige meiner Schritte begleiten.

Der Plan …

… war einfach: Die Anstellung bei AndroidPIT (meine Artikel) aufkündigen und dann als Freelancer dort sowie bei Konkurrenten wie Notebookcheck (Beispielartikel) oder Golem (Beispiel eins und zwei) weitermachen; mich also inhaltlich zu verbreitern.

Parallel sollten zwei Buchprojekte anlaufen: eines mit der talentierten Fotografin Irina Efremova (Urheber bisher aller Fotos auf dieser Website) über Berlins Dönerbuden, und eines für zweisprachig aufwachsende Kinder wie meine Tochter.

Die Realität …

… sah leider ganz anders aus. Denn wenige Wochen, nachdem ich AndroidPIT verlassen hatte, trudelte die inzwischen offizielle Botschaft ein: Der Laden ist pleite. Mein zuverlässigster Auftraggeber drehte also insovenzbedingt den Geldhahn zu und meine Frau und ich (danke nochmal für diese Website, Frau!) mussten unseren Haushaltsplan neu kalkulieren.

Anstelle der geplanten Zweiteilung meiner Arbeit in journalistisches Brot und Butter sowie kreatives Autoren-Neuland begann also der echte Kampf. Tschüss Comfort-Zone. Hallo Freelancer-Realität.

Das Überleben

Die komplette Kreativ-Zeit geht also seither für Akquise und zum Teil sogar Bewerbungen um Anstellungen drauf. Kluger Rat zum Thema und teils sogar Aufträge kommen von Ex-Kollegen. Die finanzielle Lebensgrundlage kommt von Rücklagen und der Tatsache, dass meine Frau jetzt Steuerklasse drei hat.

Der Spaß und der Nervenkitzel

Ich bin froh, dass ich den Schritt im April gewagt habe. Die gewonnene Freiheit gefällt mir, auch trotz all ihrer Bürden. Es ist die Selbstbestimmtheit bei Arbeitstempo, Pensum und Zeiteinteilung, die ich ungern wieder hergeben möchte. Ich schreibe was ich will, wann ich will und wo ich will, und verkaufe es zu dem Preis, den ich für fair erachte.

Die soziale Komponente

Auch gefällt mir die neue Perspektive auf andere Journalisten aus dem gleichen Fachgebiet. Schon in meinem Dasein als angestellter Autor stellte sie sich peu à peu ein: Wir sind keine Konkurrenten. Wie sind Kollegen. Die Welt der Journalisten ist erstaunlich übersichtlich und wenn wir unseren Beruf richtig verstehen, merken wir unweigerlich, dass er nur mit Zusammenhalt funktioniert. Doch das führe ich in einem separaten Blog-Posting weiter aus.

Wie es weitergeht

Nach dieser noch recht sachlichen Vorstellung meiner bisherigen Arbeit gehe ich in den kommenden Beiträgen auch auf ein paar persönliche Projekte und Interessen ein. Weiterhin werde ich aber auf Fragen eingehen, die sich mir als Online-Journalist stellen.

Außerden versuche ich, WordPress zu begreifen und HTTPS sowie die Kommentarfunktion zu konfigurieren. Bis dahin kommunizieren wir einfach über die anderen Kanäle. Besonders gutes Feedback bekommt dann vielleicht seine eigene Sektion.